Jan Kalbitzer - Was können wir von Psychiatern lernen?

 

Thorsten Padberg (TP):

Herr Kalbitzer, Sie schreiben, Psychiater sollten nicht durch das Erfinden von Diagnosen in gesell- schaftliche Prozesse eingreifen. Die Soziologin Eva Illouz sieht die moderne Gesellschaft so weit durchpsychologisiert, dass sie ironisierend von der „Errettung der modernen Seele“ durch Psychologen und Psychiater spricht. Haben Psychiater und Psychologen eine Lotsenfunktion in der Gesellschaft? Und ist das gut oder schlecht?

Jan Kalbitzer (JK):

Das sehe ich auch sehr kritisch. Wenn politische Kommentatoren nicht mehr sagen, „Alexander Gauland hat eine unerträgliche Haltung, die politisch bekämpft werden muss“ – das wäre auf Augenhöhe. Sondern: „Vielleicht wurde Herr Gauland in der CDU zu sehr in die zweite Reihe gestellt und provoziert jetzt, weil er ein ungestilltes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit hat“. Dann wird das Politische zu sehr psychologisiert.

TP:

Und wir entschuldigen es auch dadurch?

JK:

Einerseits nimmt man es nicht richtig ernst, wenn man von oben herab über die Psyche anderer urteilt. Und man infantilisiert und entschuldigt dadurch das Verhalten des anderen ein Stück weit – vor allem aber entschuldigt man sich auch selbst. Denn dadurch fühlt man dann politisch nicht mehr unter Zugzwang. Um es mit Karl Popper zu sagen: eine tolerante Gesellschaft kann nur überleben, wenn sie konsequent die Intoleranz bekämpft. Diesen Kampf umgeht man durch das ständige Psychologisieren. Trotzdem glaube ich auch, dass es wichtig sein kann, über allgemeine psychologische Mechanismen in Gesellschaften zu sprechen. Was führt dazu, dass Menschen extremer denken oder sich von Autoritäten angezogen fühlen? Oft hat das viel mit fehlender gesellschaftlicher Stabilität zu tun. Statt öffentlichkeitswirksam über Prominente zu spekulieren, sollten wir Therapeuten deshalb lieber darauf

hinweisen, dass Aggressivität in der Gesellschaft dadurch bekämpft werden muss, dass man mehr Stabilität schafft: durch soziale Absicherung und z.B. den Schutz des Wohnraums – aber auch dadurch, dass wieder mehr auf Anstand geachtet wird und dass Tabu- und Rechtsbrüche schneller und konsequenter sanktioniert werden.

TP:

Psychotherapeuten sind ja gesetzlich dazu verpflichtet, den von ihnen Behandelten, ihre Diagnose mitzuteilen, einschließlich Persönlichkeitsstörungsdiagnosen. Schadet das?

JK:

Eine Diagnose kann einem Menschen schaden. Gerade wenn man jemandem sagt, er habe eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, während gleichzeitig Psychiater in Talkshows behaupten, dass Politiker deshalb schlechte Politik machen würden, weil sie auch genau diesen Narzissmus haben. Aber Diagnosen nehmen den Menschen auch Chancen sich zu entwickeln: Krisen bringen häufig die Möglichkeit mit sich, das eigene Leben zu verändern oder sind ein Hinweis darauf, dass Veränderung ansteht. Diagnostische Schubladen schränken diese Entwicklungsmöglichkeiten dann eher ein. Man sagt nicht mehr, „Sie sind auf dem Weg zu etwas Neuem“, sondern: „Sie sind krank und wir müssen ihre Krankheit wegkriegen.“ Damit nimmt man dem Menschen Chancen, sich zu weiterzuentwickeln. Ich sage meinen Patienten deshalb: „Sie erfüllen diese und jene Diagnosekriterien, das ist für die Krankenkasse. Woran wir hier arbeiten ist etwas anderes: Das sind die Ziele, die Sie sich setzen. Das ist das, was wir gemeinsam als den richtigen Weg ansehen.“ Diagnosen haben allerdings auch eine sehr wichtige Funktion: Sie schützen Patienten vor Fehlern und Willkür.

TP:

Was halten eigentlich die Krankenkassen davon, wenn Sie sagen, wir behandeln eigentlich gar keine Krankheiten? Wir nennen Euch nur eine psychiatrische Kategorie und dann bekommen wir Geld dafür.

JK:

Bei Krankenkassen arbeiten ja auch Menschen. Die haben auch keine Lust, in Kategorien gesteckt zu werden. Gleichzeitig glaube ich, dass viel zu viel Geld ausgegeben wird für Psychotherapie. Wenn jemand 400 Stunden Psychoanalyse macht, ist das aus meiner Sicht nicht alles eine medizinische Intervention. Psychotherapeuten vermitteln immer noch viel zu häufig ein völlig unrealistisches Bild von Lebenszufriedenheit als Ziel einer Therapie und treiben durch eine Fixierung auf vermeintliche Probleme die Menschen in die Erlebnisvermeidung. Weil sie ständig nachdenken und reflektieren, statt am realen Leben teilzunehmen.

[…]

Jan Kalbitzer arbeitet als Psychiater in der Oberberg Tagesklinik Berlin. Zuletzt erschien von ihm bei Blessing „Das Geschenk der Sterblichkeit – Wie die Angst vor dem Tod zum Sinn des Lebens führen kann“.

aus: Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis 3/2019