Vom Schatten ans Licht - Wirken Antidepressiva? (mit Julia Friedrichs)

 
 
 

Als der Faden riss, der ihn mit dem normalen Leben verband, war Tobias gerade zum Studium nach Berlin ge­ zogen. Er war viel allein, teilte eine Wohnung mit einem Bekannten, der ihn ignorierte. »Ich habe nichts mehr hinbekommen«, sagt er. »Ich konnte nicht mehr aufstehen. Ich habe da­ gelegen und mir immer und immer wieder ausgemalt, wie ich mich um­ bringe.« Tobias ging zum Arzt, zu einem Psychiater. Der sprach fünf Minuten mit ihm. »Ich habe kurz erzählt, wie es mir geht«, erinnert sich Tobias. »Dann hat der Arzt ge­ fragt: Konsumieren Sie Marihuana?« Schließlich raube das Kiffen jungen Leuten oft die Motivation. Er habe verwundert verneint. Und dann, drei Fragen später, habe der Psychiater die Diagnose gestellt: mittelschwere Depression. Natürlich sollte sich ein Arzt für eine solche Einschätzung mehr Zeit nehmen. Tat er in diesem Fall aber nicht.

Tobias bekam ein Rezept für ein Antidepressivum in die Hand. »Sie können die Dosis jederzeit erhöhen«, sagte der Arzt. Die Pillen sollten To­bias’ Gehirn wieder ins Gleichge­wicht bringen. Schnell schluckte er nicht mehr die Einstiegsdosis von 50 Einheiten, sondern 200 am Tag. Dann spürte er die Wirkung. »Es war ein Ritual, das mir beim Auf­ stehen half«, sagt er.

 

Wenn jemand, wie Tobias, des Lebens müde ist, braucht er Hilfe. Natürlich wird auch in den allermeisten Fällen eine Psychotherapie empfohlen. Aber die Wartezeiten für einen Therapie­ platz sind lang: im Schnitt sechs Monate, so das Ergebnis einer Um­ frage der Bundespsychotherapeuten­ kammer. So viel Zeit haben Kranke nicht. Also gehen die meisten erst mal zum Arzt. Der hat einen Men­schen vor sich, der leidet, und bietet das Mittel an, das schnell verfügbar ist: Medikamente.

Die Deutsche Depressionsliga, die größte Organisation Betroffener, erklärt die Krankheit so: Depressio­nen könnten »vor allem über einen gestörten Hirnstoffwechsel erklärt werden«, heißt es in einer Broschüre des Verbandes. Sie würden durch eine »Fehlfunktion« von Botenstoffen wie Serotonin verursacht.

Eine Theorie, mit der viele leben können. Es gibt nur ein Problem: Vermutlich stimmt sie so nicht.

 

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