Tim Kendall - Was kann man für Depressive tun?

 
 
 

Herr Kendall, was glauben Sie, wie werden Menschen depressiv?

Wenn Sie auf den Zeitpunkt zurückschauen, an dem jemand erstmals depressiv wurde, passiert das manchmal schon in der Kindheit. Je jünger das Kind ist, desto offensichtlicher ist es, dass das unmittelbar auf ein Trauma folgt. Und dieses Trauma kann physischer oder sexueller Missbrauch sein, schweres Mobbing, der Verlust eines Elternteils, der Tod einer anderen Person aus der Familie, diese Art von Dingen. Bei Kindern, die verletzlich sind, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie depressiv werden. Die Depression wird ziemlich schnell nach dem belastenden Ereignis einsetzen. Je älter das Kind wird und umso häufiger es Depressionen bekommt, desto schwieriger wird es, zu sagen, was das auslösende Ereignis ist. Wenn diese Kinder erwachsen werden, kann der Auslöser vollkommen trivial aussehen. Und das ist meines Erachtens der Grund dafür, warum viele Leute glauben, dass Depressionen eine von Lebensereignissen losgelöste Krankheit sind. Aber in Wirklichkeit ist es nicht so, dass es keinen Auslöser gibt. Der Auslöser ist nur oft nicht identifizierbar. Und ich glaube, je häufiger man depressiv ist, desto anfälliger wird man.

Also ist Ihre Theorie, dass im Wesentlichen Um- weltfaktoren Depressionen verursachen. Eine weitverbreitete Theorie sieht Depression jedoch als körperliche Krankheit. Die sogenannte Serotoninhypothese, wonach ein Mangel an Serotonin eine Depression auslösen kann, ist sehr populär.

Ich finde es unaufrichtig, wenn Psychiater sagen, De- pression sei eine rein biologische Krankheit. Das ist sie nicht. Die Serotoninhypothese hält keiner Überprüfung stand. Die ganze Vorstellung, dass ein einzelner Transmitter Depressionen oder auch Schizophrenie verursachen soll, ist lächerlich. Es gibt wirklich keine belastbaren Daten dazu, dass Depressive ein Serotonindefizit hätten oder dergleichen. Die Serotoninhypothese dient dazu, Medikamente zu verkaufen.

 

Antidepressiva gehören in Großbritannien nicht mehr zur ersten Wahl in der Depressionsbehandlung. Wie kam es zu der Entscheidung, die Verschreibung von Antidepressiva für leichte Depressionen nicht mehr zu empfehlen?

Im Wesentlichen indem wir Risiko und Nutzen gegeneinander abgewogen haben. Der Nutzen für leichte – und wahrscheinlich auch für mittelschwere Depressionen – ist nicht besonders groß. Antidepressiva haben bei leichter Depression einen nur geringen Effekt, wenn überhaupt. Und weil die Pharmafirmen routinemäßig nur die positiven Ergebnisse veröffentlichen, wäre der Effekt mit Blick auf die gesamte Studienlage vermutlich gleich null.

Sie sind zu Ihrem Entschluss gekommen, indem Sie auf die aktuelle Studienlage geschaut haben? Wir haben die vollständigen Daten aus England gesichtet. Und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass man leichte bis mittelschwere Depressionen im ersten Schritt wahrscheinlich am besten ohne Medikamente behandelt. Es gibt andere Herangehensweisen, die einen – erwiesenermaßen – ordentlichen Erfolg haben. Zum Beispiel erzielt man gute Ergebnisse durch computergestützte Verhaltenstherapie, durch Bewegung und durch angeleitete Selbsthilfe.

Welche Folge hatte diese Erkenntnis?

In Großbritannien werden psychologische Ansätze in der Erstversorgung angeboten. Wir nennen das IAPT, Improving Access to Psychological Therapies, also einen erleichterten Zugang zu psychologischer Behandlung. Wir haben vor neun Jahren damit angefangen. Das war eine Investition von vier- bis fünfhundert Millionen Pfund pro Jahr, um in ganz England und Wales 6000 Therapeuten  den Richtlinien entsprechend  auszubilden und einzustellen.

 

 
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