Warum lesen Psychotherapeuten keine Forschungsliteratur?

 
 
 

1988 formuliert der Sprachwissenschaftler Charles Bazerman, der unter anderem die Entwicklung des psychologischen Forschungsartikels untersucht hat: „Knowledge produced by the academy is cast primarily in written language [...]“ (Bazerman, 1988). Er spricht damit das anscheinend Offensichtliche aus. Der gesammelte Wissensschatz der Profession findet sich in den Texten, die beschreiben, was die Forschung gefunden hat. Wie selbstverständlich versteht inzwischen auch die Psychotherapieforschung ihre Ergebnisse als die Abfassung instruktiver Texte. Mittels empirisch gesi- cherter „Wenn-dann“-Regeln (Dick et al., 1999) soll es zur Feinsteuerung der Psychotherapeuten bei ihrer Arbeit kommen, etwa: „Wenn ein Klient in der Stunde Y tut, dann reagiere mit Intervention Z“ (vgl. Grawe, 1999).

Würden sich die Psychotherapeuten nach diesen so niedergelegten Handlungsanweisungen richten, könnten sie – so die Annahme – im Anschluss bei ihrer Arbeit erneut beobachtet werden und anhand der daraus gewonnenen Daten weiter verbesserte Handlungsregeln aufgestellt werden usw. Das Resultat wäre ein fortwährender Prozess der Verbesserung der Praxis mit positiven Folgen für alle Beteiligten (Forscher, Psychotherapeuten, Klienten). Die Orientierung am Stand der Forschung kommt einer Verpflichtung für den Praktiker gleich, so Schulte (1996, S. 6).

 

 

Wäre es da für die Psychotherapieforschung nicht eine bestürzende Erkenntnis, wenn sie ihre Forschung nur für sich selbst betriebe? Wenn ihre Ergebnisse exklusiv den Forschern dienten und einer breiteren Öffentlichkeit, insbesondere den Psychotherapeuten, weitgehend gleichgültig blieben? Doch genau das ist der Fall.

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Für ein Fach wie Klinische Psychologie, das sich der wissenschaftlichen Absicherung seiner psychotherapeutisch tätigen Praktiker gewidmet hat, ist das ein alarmierendes Ergebnis. Psychologie begreift sich in ihrer Methodologie überwiegend als Naturwissenschaft; Psychotherapieforschung wählt die angewandte Praxis des eigenen Fachs zu ihrem Objekt. Wenn dann die Ergebnisse dieser Forschung von den Beforschten nicht befolgt werden, ist das so, als beschieße ein Physiker im Labor atomare Teilchen mit Elektronen – und statt den geltenden Naturgesetzen gemäß etwa die Flugbahn zu ändern, zeige das Teilchen dem Forscher die kalte Schulter und drehe ihm zusätzlich noch eine lange Nase. Etwas ist aus den Fugen geraten in der naturwissenschaftlich orientierten Psychotherapieforschung.

 

Cover PTJ 2/2012