Jürgen Hargens - Wie kommt Lösungsorientierte Therapie zu ihren Erfolgen?

 
 
 

Sie sind ja einer der prominentesten Vertreter der lösungsorientierten Therapie in Deutschland…

Das sagen Sie so. Ja, ja. Gut.

…  und haben viel dazu veröffentlicht. Was glauben Sie: Wie kommt die lösungsorientierte Therapie so schnell zu ihren Erfolgen, was ist der Wirkfaktor?

Ich glaube, das sind zwei, drei Aspekte. Jeder Aspekt hat viele Unteraspekte: Die Leute, die zur sogenannten „Therapie“ kommen, ernst zu nehmen, ihr Leiden zu würdigen und letztlich immer ein Ohr dafür zu haben, wo diese Leute Kompetenzen haben und gezeigt haben. Das ist etwas, das für die Leute völlig neu ist. Jemand, der leidet, fühlt sich einfach nur schlecht. Und jetzt kommen Leute und ich sage – ich nehm‘ mal ein ganz plattes Beispiel – „du hast mit diesem Leiden zwanzig Jahre überlebt. Das ist ja auch eine Fähigkeit. Die macht das Leben nicht leichter.“

Und das ist ein ganz wichtiger Unterschied, glaube ich. Die lösungsorientierten Leute nehmen ihr Gegenüber sehr ernst, respektieren die Person, würdigen sie und reden ihr Leben nicht schön. Und deshalb: Das Lösungsorientierte ist etwas anderes als ‚positiv denken‘. Und es ist auch keine Technik. Es ist eine gnadenlos anstrengende Haltung, nämlich darauf zu vertrauen: „Ich glaube, dass Du es schaffst“. Oder wie Insoo Kim Berg immer so schön gesagt hat: „Ich weiß nicht wann, ich weiß nicht, wie du dich änderst – ich weiß nur, dass du dich änderst!“

 

Wie bauen lösungsorientierte Therapeuten dann eine Beziehung auf? Was ist das spezifisch Lösungsorientierte an der Therapiebeziehung?

Ich glaube, dass lösungsorientierte Leute sich wenig Gedanken über Beziehungen machen – weil sie sagen: „Wenn die Leute zur Arbeit kommen, zur Therapie kommen, ist eine Beziehung da. Es geht jetzt nur darum, sie in einem positiven Sinne für die Betroffenen aufrecht zu erhalten und zu verbessern. Und das ist relativ einfach, indem ich die Leute frage: „Oh, schön, dass Sie da sind. Wie kann ich Ihnen helfen?“. Und nicht: „Schön, dass Sie da sind – jetzt zeige ich Ihnen mal, was Sie machen müssen“. Das möchte keiner.

Das wäre das spezifisch lösungstherapeutische Beziehungsangebot.

Ja, man macht sich viel zu viele Gedanken über Beziehung. Man muss sie pflegen oder erstmal herstellen…. Wenn die Leute kommen, ist Beziehung da. Sonst sind die ja gar nicht da. Und dann geht’s nur darum: Was hat Vorrang? Und die lösungsorientierten Leute – das ist meine Einschätzung und meine Erfahrung – die gehen davon aus: Wichtig ist, an dem zu arbeiten, was die Leute wollen – so verrückt das auch manchmal erscheinen mag. Aber die Leute haben für das, was sie wollen, gute Gründe. Und oft wird dann vergessen, dass das, was die Leute zeigen, in ihrem Verhalten – auch in negativem Verhalten oder im Leiden – Fähigkeiten beinhaltet. [...]

 

 
 Jürgen Hargens

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