Psychische Erkrankungen - Ohne Diagnose keine Hilfe

 
 
 

Was ist eine psychische Krankheit und welcher Patient bekommt therapeutische Unterstützung? Darüber bestimmen Psychiater durch ihre Definition von Diagnosen. Ein Verfahren, das Patienten ausschließt und Krankheit vor allem als Kostenfaktor betrachtet, kritisiert Thorsten Padberg.

Was als psychisch krank gilt und was nicht, steht in Klassifikationskatalogen, die von Psychiatern und Psychologen geschrieben werden. Das eigene Leiden darin wiederzufinden, hat Vor- und Nachteile. Einerseits erhält man Zuwendung und therapeutische Unterstützung. Andererseits lastet auf psychischen Störungen ein Stigma. Wer gilt schon gerne als "verrückt"?

Aus diesem Spannungsfeld heraus kommt es immer wieder zu Debatten darüber, welche Leiden offiziell als krankheitswertig anzusehen sind. 1980 kämpfen Homosexuellenverbände - mit Erfolg - für die Streichung der Diagnose Homosexualität, weil sie eine Diskriminierung darstelle und selbst Leid erzeuge. Ein paar Jahrzehnte später kämpfen dieselben Verbände - mit Erfolg - dafür, Transsexualismus nicht etwa ebenfalls zu streichen, sondern als psychische Störung zu erhalten. Die teuren Operationen für eine Geschlechtsumwandlung, so argumentieren sie, müssten die Betroffenen sonst selbst bezahlen.

 

 

Diagnosen werden im Konsens festgelegt

Alle paar Jahre treffen sich die Mitglieder der Amerikanischen Psychiatervereinigung APA, um darüber abzustimmen, was in die Diagnosekataloge gehört und was nicht. Starke Trauer nach dem Tod eines nahen Angehörigen solle schon nach 14 Tagen als Depression gelten, beschlossen die Psychiater 2013. Leidenden Menschen solle man so früh wie möglich helfen. Die Öffentlichkeit reagierte allerdings empört: Krank sei eher, schon 14 Tage nach dem Tod eines geliebten Menschen nicht mehr depressiv zu sein.

Um solche Diskussionen endgültig zu beenden, gaben die USA bis 2015 sehr viel Geld auf der Suche nach einer solideren Basis der Diagnosen aus: 20 Milliarden Dollar zur Erforschung der neuronalen Grundlagen psychiatrischer Krankheiten. Und fanden: nichts. Das ernüchternde Fazit des Direktors des staatlichen Instituts für Geistige Gesundheit lautete: "Wir haben wirklich coole Artikel von coolen Wissenschaftlern veröffentlicht, aber wir konnten dadurch das Leben der vielen Millionen Betroffenen kein bisschen verbessern." Psychiatrische Diagnosen werden also auch in Zukunft im Konsens festgelegt werden.

 

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