Sprechstunde

In der Psychotherapie fragt die Klientin den Therapeuten nach seinem Befinden, anstatt sich auf die Therapie einzulassen. Warum tut sie das?

 
 
 

Der Rollentausch

„Wie wirkt eigentlich das Tigerbalm, das ich Ihnen empfohlen habe?“ Frau M. ist – wie immer – sehr aufmerksam. Ich war wirklich oft erkältet in letzter Zeit. Tigerbalm, hat sie mir versichert, helfe in solchen Fällen gut. Nur, genommen habe ich es nicht, und erkältet bin ich auch noch. „Sie sehen mir immer noch ein wenig blass um die Nase aus“, bohrt sie weiter.

Irgendwann, die Kinder waren aus dem Haus, ihr Mann hatte sich immer mehr in seine eigene Welt zurückgezogen, da hat Frau M. mit Anfang 50 die Reißleine gezogen. Schluss mit Ehe, Schluss mit Liebe, auf nach Italien! Sie hat sich dort eigenhändig einen kleinen Hof auf dem Land zum Wohnen hergerichtet, der nächste Nachbar einen langen Spaziergang mit dem Hund entfernt. Drei Jahre hat sie es ausgehalten. Zurück in Deutschland wohnt sie jetzt in einem Häuschen am Stadtrand. Wenn nur diese Müdigkeit nicht wäre. Ihre Hausärztin macht sich Sorgen um sie, weil sie nur noch schläft – zuletzt bis zu vierzehn Stunden am Tag. Erklären kann sie sich das selbst nicht. Die Diagnose auf der Überweisung lautet „Depression, mittelgradige Episode“.

Obwohl sie erst seit ein paar Monaten wieder in Deutschland ist, hat Frau M. schon wieder einige Kontakte geknüpft. Sie ist ohne Frage kontaktstark. Warum nur, frage ich mich, wirkt sie dann so furchtbar einsam?

 

 

Derweil macht sie sich Sorgen um mich. „Sie haben aber auch schon mal fröhlicher ausgehen. Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“, „Nehmen Sie sich auch mal Zeit für sich?“, „Sind Sie schon weiter mit Ihrer Urlaubsplanung?“ Ein Feuerwerk an Fragen. Als wolle sie die Rollen tauschen und meine Therapeutin werden.

Therapeutische Gespräche sind häufig merkwürdig ungleichgewichtig. Der eine fragt, der andere öffnet sich. Persönliche Rückfragen an den Therapeuten sind nicht immer gern gesehen. Aber wenn jemand so nett immer wieder nachhakt? So habe ich Frau M. zunächst doch immer wieder über mich erzählt. Von meinem Urlaub auf den Kanaren, vom Ärger mit der Hausverwaltung. Immer möglichst kurz, immer in der Hoffnung, den Blick anschließend wieder auf sie zurückzulenken.

„Sagen Sie mal, wo haben Sie denn diese schönen Blumen her?“, fragt Frau M., da ist die Stunde 20 Minuten alt, in denen ich immer wieder versucht habe, sie nach ihrer therapeutischen Hausaufgabe – einem Stimmungsprotokoll – zu fragen. Also muss ich in die Offensive: „Frau M., mir ist aufgefallen, dass wir immer mehr Zeit darauf verwenden, über mich zu reden. Diese Stunden sind ja dafür gedacht, dass wir an Ihren Problemen arbeiten. Die Zeit hier sollte ganz für Sie da sein. Sollen wir beide versuchen, in Zukunft mehr darauf zu achten?“ Dass mir das aufgefallen sei, daran merke sie, dass sie mit einem gut ausgebildeten Therapeuten rede, meint Frau M.: „Wo haben Sie denn die Ausbildung gemacht?“

 

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